Anders als Engel ist der Mensch ein Sinnenwesen,
vor allem ein Augentier.
Schon als er noch in Höhlen hauste,
schlang er das Wildschwein nicht stumpfsinnig in sich hinein,
er zeichnete das Tier an die Wand,
er bildete sich eine Vorstellung, seine Vorstellung -
und über die allmähliche Verfeinerung dieser Vorstellung
kultivierte er sich selber.
Nicht der Gedanke brachte ihn voran,
sondern das Bild, das Abbild, das Vorbild -
und die Bilder seiner Einbildungskraft.
So kam der Mensch zu sich und in Menschenform:
indem er zwischen sich und die reale Welt
eine künstliche Welt stellte,
eine Zeichenwelt, eine Welt der Bilder.
Indem er die Natur nicht einfach hinnahm,
sondern kulturell gestaltete,
löste er sich aus der dumpfen Abhängigkeit der Naturgewalten,
schuf sich, mühsam, doch stetig,
ein Terrain seiner Freiheit.
Alle kulturellen Errungenschaften -
vom Feuer bis zum Computer -
verdanken sich dieser imaginativen Zwischenwelt,
der Welt der Einbildung.
Ohne Bilder sässen wir noch auf den Bäumen
und mampften Bananen oder Holzäpfel.
Ludwig Hasler in "Kultur macht Schule - Kulturvermittlung in der Praxis", HIER+JETZT-Verlag, Baden, 2009, S. 23