• Vom Wesen der Philologie

    Um das herauszuarbeiten,
    müsste man freilich
    nicht eilig mit dem Zitatenscanner
    über die Oberfläche der Texte fliegen,
    sondern ihre Grundstrukturen nachzeichnen.

    Gustav Seibt

    Seibt Gustav: "Vom Wesen der Kritik. Harro Zimmermanns Biographie Friedrich Schlegels." in: Süddeutsche Zeitung Nr 262 vom 13 Nov 2009, S. 14

  • Kultur begann ...

    Kultur begann, als der Steinzeitmensch -
    ausnahmsweise satt -
    gelangweilt vor der Höhle an der Sonne lag,
    gähnte und fragte: Was nun?
    Die eigene Existenz begann zu jucken, zu kratzen.
    Was nun?
    Es gab nichts unbedingt Nötiges zu tun.
    Es öffnete sich eine Lücke für das Unnötige.
    Was er daraus machte, ist nicht bekannt.
    Vielleicht pfiff er eine schräge Melodie,
    vielleicht träumte er von einer unirdisch schönen Frau,
    egal, die Langeweile,
    diese "Windstille der Seele" (Friedrich Nietzsche)
    brachte die Geschichte voran.
    Die Lücke - Kurzurlaub vom Notwendigkeitsalltag -
    ist der Geburtsort aller Kultur.
    Gemessen am Überlebensnötigen ist sie das Unnötige,
    im Reich der Zwecke das Zwecklose.
    Doch dieses scheinbar Nutzlose
    erweist sich schnell als das Allernützlichste.

    Ludwig Hasler in "Kultur macht Schule - Kulturvermittlung in der Praxis", HIER+JETZT-Verlag, Baden, 2009, S. 23

  • Kultur als Lebensleistung

    Anders als Engel ist der Mensch ein Sinnenwesen,
    vor allem ein Augentier.
    Schon als er noch in Höhlen hauste,
    schlang er das Wildschwein nicht stumpfsinnig in sich hinein,
    er zeichnete das Tier an die Wand,
    er bildete sich eine Vorstellung, seine Vorstellung -
    und über die allmähliche Verfeinerung dieser Vorstellung
    kultivierte er sich selber.
    Nicht der Gedanke brachte ihn voran,
    sondern das Bild, das Abbild, das Vorbild -
    und die Bilder seiner Einbildungskraft.
    So kam der Mensch zu sich und in Menschenform:
    indem er zwischen sich und die reale Welt
    eine künstliche Welt stellte,
    eine Zeichenwelt, eine Welt der Bilder.
    Indem er die Natur nicht einfach hinnahm,
    sondern kulturell gestaltete,
    löste er sich aus der dumpfen Abhängigkeit der Naturgewalten,
    schuf sich, mühsam, doch stetig,
    ein Terrain seiner Freiheit.
    Alle kulturellen Errungenschaften -
    vom Feuer bis zum Computer -
    verdanken sich dieser imaginativen Zwischenwelt,
    der Welt der Einbildung.
    Ohne Bilder sässen wir noch auf den Bäumen
    und mampften Bananen oder Holzäpfel.

    Ludwig Hasler in "Kultur macht Schule - Kulturvermittlung in der Praxis", HIER+JETZT-Verlag, Baden, 2009, S. 23

  • The dream we live in

    Und die Wirkungen der Zensurtätigkeit,
    die Überführung des latenten in den manifesten Traum
    mit den dabei notwendigen Entstellungen,
    Verdichtungen, Verschiebungen, Umkehrungen, Auslassungen
    entspricht den Entstellungen der Assoziationen
    unter dem Druck eines Widerstandes.

    Anna Freud

    Freud, Anna: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Frankfurt, München, (20) Juni 2009, S. 25

    Hier finden Sie meine umständlichen Auslassungen zu diesem Zitat.

  • Ein Prozess kontinuierlicher Dynamik

    Unsere Sehnsucht nach Schließung
    ist ein Nebenprodukt einer Kultur,
    in der es belohnt wird,
    wenn man Antworten weiß, Probleme beseitigt
    und dann zur Tagesordnung übergeht.
    Von diesen Vorstellungen müssen wir uns verabschieden.

    Boss, Pauline: Verlust, Trauma und Resilienz. Stuttgart, 2008, S. 30

  • reason to write

    And so this book reflects the time and place in which
    it was written: an alleged triumph of corporate capitalism
    in which our experience--our desire itself--is taken from us,
    processed and labeled, and sold back to us before we have had
    a chance to name it for ourselves (what do we really want and fear?)...

    Adrienne Rich: "What is Found There, Notebooks on Poetry and Politics",
    W.W. Norton & Co, Preface Page xx

  • Wohin geht die Kunst?

    Es wird in Zukunft kaum eine Verkehrtheit mehr geben,
    die sich nicht am aktuellen Kunstsystem ein Beispiel nimmt.
    Der Handel mit Derivaten war in ihm schon lange etabliert,
    bevor auch die Finanzwelt ins Derivategeschäft einstieg.
    Wie das vom Doping korrumpierte Sportsystem
    steht auch das Kunstsystem an einem Scheideweg:
    Entweder geht es den Weg zur Korruption
    durch Nachahmung des ausserkünstlerischen Effekts
    im Ausstellungs- und Sammlungswesen zu Ende
    und stellt die Kunst definitiv
    als Tummelplatz des Letzten Menschen bloss,
    oder es besinnt sich auf die Notwendigkeit,
    die schöpferische Imitation
    in die Werkstätten zurückzuholen
    und dort die Frage neu aufzunehmen,
    wie das Wiederholungswürdige
    vom Nicht-Wiederholungswürdigen zu unterscheiden sei.

    Peter Sloterdijk: "Du musst dein Leben ändern", Suhrkamp, S. 690

  • Sakralisierung der Selfishness

    Inzwischen übertrifft das Kunstsystem
    sogar das Wirtschaftssystem,
    was die Zurschaustellung seiner Unbekümmertheit
    um externe Bezüge angeht.
    Ihm ist bereits gelungen,
    wovon das ökonomische System bis auf weiteres nur träumt:
    Es hat seine Selfishness sakralisiert
    und trägt sie wie das Merkmal seiner Auserwählung
    vor sich her.

    Peter Sloterdijk: "Du musst dein Leben ändern", Suhrkamp, S. 688

  • Kunst und Selfishness

    In der imitationsblinden Subkultur der modernen bildenden Kunst
    haben sich an den Schwellen zwischen den Generationen
    solche Werke und Künstler durchgesetzt,
    bei denen sich der jeweils nächsthöhere Grad
    an Selbstbezüglichkeit beobachen liess,
    ohne dass die zeitgenössischesn Beobachter
    imstande gewesen wäre, den Schluss zu ziehen,
    das selbstbezügliche Werk sei zugleich
    das sich selbst dementierende.
    Die vollendete Malignität des modernen Kunstbetriebs
    zeigt sich vielmehr gerade darin,
    dass noch der grellste selbstreferentielle Zynismus
    als Beweis für die Transzendenz der Kunst
    aufgefasst werden kann.
    Das Kunstsystem hat inzwischen unangefochten
    den besten Platz an der Selfishness-Sonne erobert.

    Peter Sloterdijk: "Du musst dein Leben ändern", Suhrkamp, S. 687

  • Whizz Kids

    In der Welt der Informatik
    [...] sind Autodidakten quasi allgegenwärtig
    und niemand staunt darüber.
    Das, was auf einem so komplexen Feld nicht verwundert,
    sollte es in anderen Wissensgebieten auch nicht tun.

    André Stern

    Stern, André: ... und ich war nie in der Schule. Geschichte eines glücklichen Kindes. (2) 2009, S. 144

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